Was war vor der Wettersteinstraße?

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Landschaftsgenese und frühe Siedlungsgeschichte

Der Norden Gernlindens weist zahlreiche Siedlungsspuren der Vor- und Frühgeschichte auf. Das liegt an der Standortgunst des Übergangsstreifens von der Schotterebene zum Moor: Das für Mensch und Vieh  lebensnotwendige saubere Trinkwasser strömt reichlich in nordöstlicher Richtung durch  die Schotterebene, und es ist wegen des hier bereits hohen Grundwasserstandes leicht zu erreichen. Man muss nur sehr einfache flache Brunnen graben.

 

Auch waren die dortigen leichten Böden für die Bauern früherer Zeiten einfacher zu bearbeiten als die schweren Böden des Hügellandes jenseits der Maisach. Die Weiden in Moosnähe blieben auch in trockeneren Jahren feucht genug, um den Viehbestand zu ernähren. Den genannten Vorzügen stehen aber auch deutliche Nachteile gegenüber: Die leichten Böden sind ertragsärmer und ihre Fruchtbarkeit lässt bei wechsellosem Anbau schnell nach. In trockenen Jahren besteht die Gefahr, dass die Ernten sehr mager ausfallen. Die anmoorigen Wiesen und Weiden wiederum vertragen nur einen geringen Viehbesatz.

 

In der Summe führte die Kombination der Vor- und Nachteile dazu, dass der Landstrich zwar ständig gesucht war, aber nur eine geringe Besiedelungsdichte aufweisen konnte, und die Bewohner Felder und Siedlungen immer wieder verlegen mussten. Die Ausgrabungen auf dem TTI - Gelände mit mehrschichtigen Pfostenspuren und Abfallgruben belegten den bis in das frühe Mittelalter herrschenden Wanderfeldbau unserer Vorfahren.

 

Siedlungsgeschichte seit dem Mittelalter

Die erste urkundliche Erwähnung Gernlindens findet sich 1436 in Grundstücksakten des Klosters Indersdorf. Der Tausch von Liegenschaften und Grundholden mit dem Kloster Ettal von 1441 legt nahe, dass Gernlinden damals ein Weiler von etwa fünf Höfen war. In der Folgezeit verringerte sich diese Zahl auf einen Hof, der aber um 1600 als in gutem Zustand befindlich gelistet wird. Der Betreiber gibt sogar bei seinem Grundherren, dem Kloster Ettal um die Erlaubnis ein, eine Kapelle bauen zu dürfen.

 

Nach den großen Kriegen der folgenden Jahrhunderte ist Gernlinden regelmäßig arg herunten. Weil von Esting her die große Vieh- und Heerstraße von München nach Augsburg vorbeiführt, wechseln für den Gernlindener  wirtschaftliche Chancen und marodierende Soldateska sich ab, je nach politischer Großwetterlage.

 

Der Gernlindener ist, wie im Alten Reich (bis 1803/06) üblich, kein freier Bauer auf eigener Scholle, sondern ein gebundener Pächter. Land, Gebäude und alles Gerät gehört seit der Entwicklung des Feudalwesens unter und nach Karl dem Großen seinem Grundherren. Im Falle Gernlindens war das ab 1400 (für die Zeit davor fehlen Nachweise) ein Kloster: zuerst Indersdorf, dann Ettal, zuletzt Fürstenfeld. Der Pachtvertrag bindet nicht nur den Verpächter, sondern auch den Pächter. Er kann nicht einfach weggehen. Das ist seine Unfreiheit: Er ist nicht „freizügig“. Aber: Solange er seine – für heutige Verhältnisse geringen – Abgaben zahlte, konnte er tun und lassen, was er wollte. Dass er umgeben ist von lauter Herren, das war so die Ordnung auf dem Lande, und darauf hatte man sich eingerichtet: Seinen (großen) Zehent hat er seinem Grundherren abzuliefern, der ihm dafür Schutz und wirtschaftliche Nothilfe schuldig ist. Den kleinen Zehent, den zehnten Teil der Abgaben an den Grundherren, muss er seinem Pfarrherren in Maisach geben, der ihn dafür geistlich versorgt. Weitere ca. 1% seines Ertrages schuldet der Gernlindner dem Landesherren, der durch den Pfleger oder Kastner im Kastenamt ( dem Vorläufer des Finanzamtes) in Dachau vertreten ist . Für diesen übt die höhere Rechtspflege (Vergehen, bei denen Blut geflossen ist, oder schwerer Diebstahl, z.B. der eines Pferdes) der Amtmann im Schloss Esting aus.

 

Die häufigste Außenbeziehung  haben die Gernlindener damals in dem sonntäglichen Kirchgang nach Maisach, bei dem wenigstens ein Vertreter des Hofes erscheinen sollte. Als in der napoleonischen Zeit die Gemeinden gebildet werden, gibt diese Außenbeziehung den Ausschlag: Gernlinden kommt zu Maisach, das Sitz und Namensgeber der neuen politischen Grundeinheit des Königreiches wird, wie die anderen alten Kirchdörfer der Nachbarschaft: Esting, Malching, Rottbach, Aufkirchen. Seit 1693 ist durch Einheirat von Frauenberg her, wie die Vorgängerfamilie Näßl, die Familie Heinzinger auf dem Hof. 

Entwicklung im 20. Jahrhundert

Die Heinzingers verkaufen ihren Hof 1908 an Hans Graf von Toerring-Jettenbach, der zum 1.01.1909 übernimmt und den extensiv bewirtschafteten Bauernhof zu einem intensivwirtschaftlichen Gutsbetrieb ausbaut. Seine Tochter Antonie, verheiratet mit dem Bauunternehmer Woerner, wird ihn 1954 an die Bayerische Landessiedlung veräußern. Diese teilt im Zuge staatlicher Bodenreformvorhaben das Gut auf mehrere Hofstellen auf, um nicht zuletzt heimatvertriebenen Bauern eine neue Existenzgrundlage zu geben. Die Gutsgebäude samt den näher liegenden Gründen kauft der Verwalter des Staatsgutes Hirschau bei Freising, Josef Poxleitner, ein Bauernsohn aus dem Bayerischen Wald, der spätere langjährige - noch immer recht rüstige -  Ortsbürgermeister von Gernlinden.

 

Mit dem Aufzug des Grafen v. Toerring ändert sich für Gernlinden Wesentliches: die traditionell extensive Bewirtschaftung auf locker ineinander übergehenden Feld-, Gras- und Waldweidefluren wird umgebaut. Die Misch- und Kombinutzungen der Fluren weichen einer funktionalen Spezialisierung: Der nahe dem Bahnhof gelegene Lohwald wird bis auf den Teil, der heute Friedhof ist, in eine Forstbaumschule umgebaut, den sog. Pflanzgarten an der (späteren) Ganghoferstraße. Vor allem Frauen aus der ganzen Umgebung fanden hier eine für damals anständig bezahlte Saisonarbeitsstelle.

 

Zwei weitere Schwerpunkte setzte die v. Toerringsche Verwaltung mit der Milchwirtschaft (täglich gingen etwa 1000 Liter nach München vom Bahnhof ab) und der Saatzucht. Während des zweiten Weltkrieges wurde aus verständlichen Gründen der Pflanzgarten zugunsten der Lebensmittelproduktion aufgegeben. In der Notzeit der Nachkriegsjahre blieb es dabei. Der Versuch von Antonie Woerner, den Einnahmeausfall durch Verstärkung der Tierzucht auszugleichen, war von wiederholtem Seuchenpech verfolgt. Die Bestände waren in Mitteleuropa durch die Wirren des verlorenen Krieges und das Nachkriegschaos allgemein sehr durchseucht.

 

Während also in der Landwirtschaft das eingesetzte Kapital sich u. U. nur schlecht verzinste, war das im gewerblichen Sektor im Zuge des beginnenden Wirtschaftswunders ganz anders. Es begann sich auch die Rückwanderung der Arbeitskräfte in die Industrie in einer Leuteknappheit auf den Höfen auszuwirken. Die Fördermaßnahmen der jungen Bundesrepublik für die Landwirtschaft waren noch nicht nennenswert, die berühmten „Grünen Pläne“ sollten erst kommen. So ist verständlich, dass die unternehmerisch denkende Familie Woerner sich vom Gutsbetrieb Gernlinden trennte.

 

Die Bayerische Landessiedlung übernimmt das Gut

Die Bayerische Landessiedlung als Organ der staatlichen Boden- und Sozialpolitik setzte als neuer Besitzer umgehend die damals noch modernen Vorstellungen von Agrarpolitik als Gesellschaftspolitik um: Der adelige Gutsbetrieb wurde in bäuerliche Familienbetriebe aufgeteilt, die Flächen in Ortsnähe als „landwirtschaftliche Nebenerwerbssiedlerstellen für nachgeborene Bauernsöhne“ parzelliert und mit Siedlungshäusern bebaut. 1956 konnte diese neue Siedlung an der Ganghofer-, Stifter-, Liebig- und von Eichendorff-Straße bezogen werden.

 

In den zwischen 2800 und 3500 Quadratmeter großen Gärten wurden etwa zehn Jahre lang intensiv Lebensmittel zum Eigenbedarf und zum Verkauf produziert. Dann war die wirtschaftliche Entwicklung über dieses Modell hinweggegangen. Kartoffeläcker und Hühnerställe verschwanden, der Rasenmäher trat an die Stelle von Hacke, Spaten und Grabgabel.

 

Als in den 80er Jahren dann die Flächen an der Wettersteinstraße, seit dem Orkan vom 15.08.1946 kein Wald mehr, sondern eine große neue Ackerflur, von der Landessiedlung bebaut wurden, war der heutige Zustand von Gernlinden – Nord erreicht. Und man war froh, die hochfliegenden Trabantensiedlungspläne mit Schulzentrum nach Germeringer Vorbild - mit denen die Gemeinde einige Zeit geliebäugelt hatte - nicht „umsetzen gedurft“ zu haben.

 

Juli 2008                                                                                                     

Alfons Strähhuber

(Kulturreferent)

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