Bürgermeisterbrief

Bürgermeister Juli 19

Wunsch nach Leben auf dem Land – große Herausforderung für die Gemeinde

 

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

 

sehnsüchtig erwarten wir alle schöne und warme Tage, die uns hoffentlich der Monat Mai schenken wird. Derzeit ist die Bewegung im Freien das einzige Freizeitvergnügen, dass uns nicht nur Ablenkung, sondern auch Erholung von Arbeit und Schule verschafft. Besonders für die Familien, noch mehr für die Alleinerziehenden in unserer Gemeinde sind die Freiräume sehr wichtig, um gerade in Zeiten extremster Belastung etwas Ausgleich zu finden und

um Kraft zu schöpfen für den weiteren Alltag.

 

Leben auf dem Lande

 

Wie wertvoll ein Leben auf dem Lande, so es wie hier in unserer Gemeinde ist - nah an der Natur, für alle Generationen gut erlebbar, verdeutlicht gerade diese Pandemie mit ihren Beschränkungen.

 

Der Traum von Eigenheim mit Garten, raus aus großen Wohnblöcken, entspricht zwar nicht dem gebotenen flächensparenden Bauen, es entwickelt sich aber immer mehr zu einem Grundbedürfnis der Menschen. Besonders Familien wollen, sofern finanziell leistbar, ihren Kindern Freiräume und die Erlebbarkeit von Natur ermöglichen.

 

Bevölkerungsforschung

In einem Bericht von Tageschau.de mit dem Titel „Raus aufs Land“ wurde eindrucksvoll dargestellt, dass immer mehr Großstädter ins Umland abwandern. Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern verlieren zunehmend Einwohner an die umliegenden Landkreise. Laut einer Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung wandern mittlerweile mehr Städter ins Umland ab, als von dort in die Metropolen ziehen. Demnach verlangsamte sich der Zuzug aus den umliegenden Gemeinden schon seit 2012. Bereits 2014 kam es zur Trendumkehr - mehr Menschen zogen aus den Städten weg als aus dem Umland zu.

 

Jugend zieht es in die Stadt

Ein Ende des Wachstums der Großstädte ist nach Aussage dieser Studie jedoch nicht zu erwarten, weil es vor allem junge Menschen und Migranten aus dem Ausland in die Städte zieht. Das Bundesinstitut spricht hier von einer Suburbanisierung, also von einem Trend hin zum Leben in den Vororten.

 

Was hier beschrieben wird, können wir in den Umlandlandkreisen und Gemeinden inhaltlich umfassend bestätigen. Junge Menschen aus Deutschland und darüber hinaus ziehen verstärkt in die Landeshauptstadt, weil das Angebot an Arbeit, beruflicher Weiterentwicklung, Bildungseinrichtungen, Kultur und Freizeitmöglichkeiten mit eines der besten in ganz Deutschland ist. Aus diesem Grund ist München auch die Stadt, in der die Zahl der Singlehaushalte am stärksten wächst.

 

Familien zieht es aufs Land

Sobald jedoch eine Familie gegründet wird oder man alleinerziehend größeren Wohnraum benötigt, ist das Bestreben sehr groß, ins Umland zu ziehen. Gründe dafür sind die niedrigeren Mieten und der Wunsch nach kindgerechtem Lebensraum.

 

Gemeindliche Einwohnerentwicklung

Auch wir hier in der Gemeinde Maisach erfahren, wie in der Studie beschrieben, einen sehr hohen Zuzug aus der Landeshauptstadt. Familien aus der Landeshauptstadt kaufen hier Baugrundstücke oder mieten Einzel- und Doppelhäuser.

 

Eine vorsichtige Schätzung von meiner Seite sieht die Inanspruchnahme von freistehendem und neu entstehendem Wohnraum durch Menschen, die von außen zuziehen und Menschen, die in unserer Gemeinde bereits länger leben in einem Verhältnis von 70 zu 30.

Menschen, die aus der Stadt zu uns ziehen, haben hohe Grundstückpreise und Mieten bereits verinnerlicht. Das sind die Auswirkungen eines überhitzten Immobilienmarkts, die für Menschen, die schon länger hier bei uns leben, oft eine „gewöhnungsbedürftige“ Tatsache darstellen.

 

Wohnraum als knappes Gut

Wer sich intensiv mit der Bevölkerungsentwicklung in und um München beschäftigt, der weiß, dass selbst der von der Stadt München neu geschaffene Stadtteil Freiham mit Wohnraum für 25.000 Einwohner neben allen anderen Wohnbaumaßnahmen nicht ausreichend sein wird, um den Zuzug nach München mittelfristig aufzunehmen. Die klare Schlussfolgerung ist, je mehr Menschen in die Landeshauptstadt ziehen, umso mehr steigt der Abwanderungsdruck von Menschen aus dem Stadtbereich ins Umland.

 

Nach meiner Überzeugung werden bei steigender Nachfrage und bei einem gesunden Wachstum der Städte und Gemeinden im Umland die Mieten weiter steigen. Ohne sozialen Ausgleich werden sich geringer Verdienende hier keinen Wohnraum weder zum Kauf noch zur Miete leisten können.

 

Verdrängungswettbewerb

Der Verdrängungswettbewerb zwischen Gutverdienenden und weniger gut Verdienenden wird zu einer einseitigen Entwicklung der Sozialstruktur führen. Deshalb sollte es auch weiterhin unser politisches Ziel sein, dass wer hier aufgewachsen ist, auch weiterhin hier Wohnraum findet, dass Menschen unterschiedlicher finanzieller Leistungsfähigkeit, viele mit Berufen ohne die unsere Dienstleistungssysteme, das Gesundheitswesen, öffentliche Sicherheit, das Handwerk nicht funktionieren würden, hier weiterhin Wohnraum finden und auch bezahlen können.

 

Bevölkerungsstruktur und Bebauung steuern

Die Gemeinde Maisach hat deshalb in den letzten Jahren trotz höchster Belastung, den der infrastrukturelle Bedarf auslöst, stetig die Schaffung von weiterem Wohnraum zugelassen. Sie hat mit Bebauungsplänen die Nachverdichtung geregelt, so dass verträglich mehr Wohnraum entsteht. Wohnraum, der in die Prägung des Gebietscharakters passt, der lebenswichtige Grünstruktur erhält und die Verkehrsbelastung im Blick hat.

 

Wohl wissend, dass der Ablauf immer der gleiche ist - der Notwendigkeit und der Bitte nach Schaffung von Wohnraum folgt die Bedarfsdeckung von Kinderbetreuung und Schulplätzen sowie Freizeiteinrichtungen. Über allem steht die große Klammer der finanziellen Leistungsfähigkeit. Auch hier bedarf es des gleichen Realismus wie hinsichtlich des Wachstums oder der Art von Wohnraum, die Menschen anstreben. Orts- und Bevölkerungsentwicklung ist die große Herausforderung dieser Zeit. Es liegt im besonderen Maße in der Verantwortung der örtlichen Politik, welche Orts- und Einwohnerstruktur wir der nächsten Generation hinterlassen wollen.

 

Menschen prägen Orte

Eines ist gewiss, die Bevölkerungsstruktur ist das entscheidende Fundament für den sozialen Ausgleich, ehrenamtliche Bereitschaft, ein vielfältiges Kultur- und Sportangebot und besonders für Bodenständigkeit in Bezug auf die Identifikation mit seinem Ort, der Gemeinde und den über Generationen getragenen Grundwerten.

 

Ich wünsche Ihnen allen einen schönen Monat Mai, Freude an unseren Orten und unserer schönen Landschaft. Bleiben oder werden sie gesund und lassen Sie uns positiv weiter nach vorne blicken.

 

Mit den besten Grüßen aus dem Rathaus

 

Hans Seidl

Erster Bürgermeister

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